04.09.2000
Neue Serie

Ungarische Erfinder

Leo Szilárd war wissenschaftlicher Berater des amerikanischen Präsidenten Roosevelt. Denselben Posten bekleidete Tódor Kármán unter Truman, János Neumann unter Eisenhower, Neumanns Tochter Marina unter Nixon, János Kemény unter Carter und Ede Teller unter Reagan. Einmal, als man Ede Teller gegenüber anmerkte, diese vielen Genies kämen vielleicht gar nicht aus Ungarn, sondern in Wirklichkeit allesamt vom Mars, sagte Teller mit einem verlegenen Gesicht: "Tódor Kármán hat also doch nicht die Klappe halten können!"



Diese Namen seien aber nur ein Kapitel im Großen Buch der ungarischen Erfinder und Wissenschaftler, behaupten die Ungarn voller Stolz. Auch auf die Fahne des "neuen" Millenniums 2000-2001 wurden der ungarische Erfindungsgeist und das umfassende und weitverzweigte Werk der ungarischen Erfinder und Entdecker geschrieben. Eine Ausstellung nach der anderen wird unter diesem Motto eröffnet - man denke beispielsweise an jene im Ungarischen Pavillon auf der Hannoverschen Expo oder an die anstehende Präsentation auf dem ehemaligen Ganz-Gelände in Budapest. Sie sollen jedermann darauf hinweisen, dass man tagtäglich auf ungarisches Erfindergut trifft. Um nur einige zu nennen: der Kugelschreiber, der Deo-Roller, der Tonfilm, der Farbfernseher, die Programmiersprache BASIC, das Hologramm, das Sicherheitszündholz, der Weltempfänger, die Langzeit-Glühbirne, der unbrennbare Film und das Diapositiv, der Transformator, der Elektromotor, der Dynamo, das Vitamin C, die Telefonzentrale, oder die bisher letzte große ungarische Erfindung, der von Erno Rubik 1975 entworfene Zauberwürfel.

Ist die Behauptung der Magyaren nur der ungarische Nationalstolz oder sind die ungarischen Erfinder tatsächlich etwas Besonderes? Kann man sie mit einem Galilei, Newton oder Edison messen? Diese Frage kann und darf man nicht stellen, da Tausende von Wissenschaftlern mit ihrem Ameisenfleiß zu den großen Erkenntnissen beitragen. Mit Sicherheit kann man also nur folgendes feststellen: Das Karpatenbecken bescherte der Welt neben den zwölf Nobelpreisträgern auch eine hohe Anzahl namhafter Wissenschaftler und Erfinder.

In unserer neuen Reihe “Ungarische Erfinder” möchten wir Ihnen einige davon vorstellen. Dabei danken wir Siemens für die freundliche Unterstützung der Serie. Bei Siemens arbeitete übrigens auch der Erfinder der Holografie, Dénes Gábor, zu dessen 100. Geburtstag wir bereits einen ausführlichen Beitrag veröffentlicht haben (BZ 24/2000).



Farkas Kempelen (1734 - 1804)


"Einen Türken bauen"



Kennen Sie diese Redewendung? Und wussten Sie schon, woher sie stammt? Die Antwort ist bei einem der letzten Polyhistoren, namentlich Farkas Kempelen (oder Hofrat Baron Wolfgang von Kempelen) zu suchen. Wenn man seinen Namen hört, denken die meisten sofort an den Schachautomaten, den er im heutigen Sinne gar nicht erfand. Sein "Schach spielender Türke" räumte ihm zweifelsohne europaweit großen Ruhm ein, er selbst hielt ihn aber nur für eine Spielerei. Viel wichtiger war seine Tätigkeit bei der Erforschung der Sprechorgane oder seine Arbeit als Wissenschaftler, Architekt, Mechaniker und Erfinder, der der Beziehung Mensch-Maschine neue Dimensionen eröffnete.



Der ungarische Adlige Farkas Kempelen wurde als Sohn irischstämmiger Eltern 1734 in Pozsony/Bratislava geboren. Seine Studien (Philosophie und Rechtswissenschaften) absolvierte er in seiner Geburtsstadt Pozsony, später in Gyor, Wien und Rom. Danach übersetzte das Sprachtalent (außer Ungarisch, Deutsch und Latein sprach er auch Französisch, Englisch und Italienisch) innerhalb kürzester Zeit das Gesetzbuch Maria Theresias aus dem Lateinischen ins Deutsche und fand dank seiner ausgezeichneten Arbeit gleich am österreichischen Kaiserhof eine Anstellung. Zuerst war er Sekretär, danach Rat der Höfischen Kammer und bereits mit 25 Jahren der Direktor der Salzbergwerke in Ungarn. Er bekleidete auch weitere Posten am Habsburgerhof, deren Spitze sicherlich seine Ernennung zum Hofrat für die Kanzleien Ungarns und Siebenbürgens im Jahre 1786 bedeutete.

Kempelen war Forscher, Architekt, Mechaniker und Erfinder; er schrieb aber auch Gedichte, Epigramme, Theaterstücke und Dramen, komponierte, zeichnete, malte, fertigte Kupferstiche an und war ein Mitglied der Wiener Künstlerakademie. Ihm ist die Koordination der Wiederbevölkerung der Gebiete im Banat zu verdanken, wo er die Häuser der Siedler selbst entwarf; ferner der Bau von Seidenfabriken im Süden des Landes sowie die Gründung des ersten ungarischen Leihamtes "contra usurarios" (gegen die Wucherer). Nach seinen Plänen baute man die Wasserschöpfmaschinen und Brunnenkonstruktionen in der Burg von Bratislava sowie die Schiffsbrücken der Stadt; auch die Springbrunnen und der Wasserfall in Schloss Schönbrunn (die ersten in Europa) entstanden nach seinem Konzept. Die von ihm konstruierte Dampfmaschine gilt als Vorgängerin der Dampfturbine. Aber auch das Burgtheater in Buda, in dem 1800 sogar Beethoven ein Konzert gab, wurde nach seinen Vorgaben gebaut.

Besonders drei Erfindungen beweisen seine Genialität, Vielseitigkeit und Phantasie: Der Schach spielende Pascha aus dem Jahr 1769, die "Sprechmaschine" (1769-1790) und die Schreibmaschine für Blinde (1779).

Kempelen begeisterte sich für mechanische Konstruktionen, beispielsweise für die immer pünktlicheren Uhren und für aufziehbare musikalische Puppen und bewegliche Tierfiguren. Da Maria Theresia im "Wettrennen" der europäischen Königshöfe nicht ins Hintertreffen geraten wollte, gab sie dem 35jährigen Kempelen 1769 ein halbes Jahr Urlaub, damit er für sie einen "non plus ultra" Unterhaltungsautomaten konstruieren konnte. Er sollte alle bekannten Spielzeuge übertreffen. Kempelens Schach spielender türkischer Pascha zog tatsächlich im Nu ganz Europa in seinen Bann. Er war ein Meisterwerk seiner Zeit und einer der größten Tricks des 18. Jh., das Trojanische Pferd des Barocks.

Eine lebensgroße, prachtvoll türkisch gekleidete Puppe saß an einer Art Kommode, auf der ein Schachbrett ausgebreitet und in deren Inneren nur ein Räderwerk zu sehen war. Zu Anfang der Partie begrüßte die Puppe ihr Gegenüber und nach jedem Zug des Gegners schaute sie sich das Brett genau an. In seiner linken Hand hielt sie eine Pfeife, mit der rechten Hand konnte sie die Schachfiguren bewegen. Nach einem falschen Schritt des Gegners schüttelte sie ihren Kopf, bei Schach nickte sie zweimal, bei Matt dreimal. Man bedenke: das alles im Jahre 1769 - ohne Strom oder Batterie.

Des Rätsels Lösung: Im Bauch des Automaten saß ein Schachmeister versteckt, der durch Magneten im Fuß der Figuren und unterhalb der Felder die aktuelle Spielposition erkennen konnte und über die Hebelvorrichtung seine eigenen Figuren bewegte. Trotz dieses Tricks war der Türke seinerzeit eine einmalige Erfindung: Der erste Manipulator, der aufgrund einer komplizierten mechanischen und optischen Struktur auf Befehl des menschlichen Gehirns funktionierte. Kempelen schuf die Konstruktion, die die Arme, Finger und Augen der Puppe bewegte und das dem Periskop ähnliche optische Projiziersystem mit einer unglaublichen Feinheit.

Der Türke spielte zügig und gewann übrigens die meisten seiner Spiele, insbesondere gegen Prominente, so u.a. gegen den preußischen König Friedrich II. und 1809 sogar gegen Napoleon. Nach Kempelens Tod wurde er im Panoptikum von Philadelphia ausgestellt, wo er 1854 bei einem Feuer vernichtet wurde.

Während die Schachmaschine großen Erfolg erntete, fand Kempelens Sprechmaschine, die er selbst für seine größte Schöpfung hielt (er arbeitete 22 Jahre lang daran), beim Publikum fast gar keinen Anklang. Einmal wurde der Hofrat bei ihrer Präsentation sogar des Bauchredens verdächtigt.

Die Sprechmaschine "sprach" mit der Stimme eines 3-4jährigen Kindes Wörter verhältnismäßig verständlich aus. Sie basierte auf der Nachahmung der Sprechorgane: Der Blasebalg war die Lunge, die Pfeifen die Stimmbänder, es gab Aushöhlungen, die die Nasenhöhlen ersetzten und einen Trichter, der die Mundhöhle nachahmte. Mit seinen Forschungen wollte Kempelen die Heilung von Taubstummen und von Menschen mit Sprachfehlern fördern. In der Beobachtung der sprachbildenden Organe und der Bildung der Sprachlaute war er seiner Zeit um ein halbes Jahrhundert voraus.

1791 erschien in Wien Kempelens wichtigste wissenschaftliche Schrift unter dem Titel "Mechanismus der menschlichen Sprache nebst der Beschreibung seiner sprechenden Maschine", in der er seine innerhalb von 22 Jahren gesammelten physischen, physiologischen, sprachwissenschaftlichen und auch anatomischen Kenntnisse zusammenfasste (u.a. die Unterschiede zwischen der Bildung der Vokale und der Konsonanten sowie die Verschiedenheiten in der Aussprache stimmhafter und stimmloser Konsonanten). Die heutigen Physiologen und Phonetiker sehen in ihm den Begründer der physiologischen Tonlehre und der experimentellen Phonetik; damit gilt er auch als der erste Logopäde. Die wichtigsten Ergebnisse seiner Forschungen werden von den Phonetikern oder den Herstellern von computergesteuerten Keyboards auch heute noch verwendet.

1779 schrieb Maria Theresia Paradis, die Patentochter von Kaiserin Maria Theresia, einen Dankesbrief an den Hofrat. Scheinbar nichts Besonderes. Aber Paradis war eine blinde Sängerin, und somit die erste blinde Person auf der Welt, die - dank Kempelen - schreiben und lesen lernte. Er fertigte für sie gewölbte Buchstaben auf Blättern an, die sie zu Wörtern und Sätzen zusammensetzen konnte. Das Multitalent entwickelte seine Idee noch weiter und konstruierte 1779 eine Schreibmaschine mit gewölbten Buchstaben. Mit Hilfe einer Setzmaschine und eines Handdruckers konnte sie schon komplette Texte verfassen. Seine Idee war schließlich 1837 für den Direktor des Institutes für Blinde in Wien, Johann Wilhelm Klein ausschlaggebend, als er die sog. Klein-Schrift entwarf.

Im Privatleben hatte Kempelen wenig Glück. Wegen seiner großen Überlastung als Hofrat war er sein Leben lang im Stress und konnte wenig Zeit mit seiner Familie verbringen. Auch an seinem Lebensende wurde ihm wenig Ruhe gegönnt: Kaiser Franz entzog ihm wegen seines fortschrittlichen Denkens das Gnadengehalt, so dass er 1804 in Wien in sehr ärmlichen Verhältnissen starb. Auf sein Grab wurden die Worte von Horaz graviert: "Non omnis moriar…!" (Ich sterbe nicht ganz…!)



V. Sch.


Diese Serie entstand mit freundlicher Unterstützung von Siemens





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